der Mensch in dir

…vielleicht sogar in uns allen.

Kategorie: Menschenmaterial

Sören Klemmer

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Living on the Edge, Generation Grenzgänger, das Leben bis zum Anschlag auskosten. Das ist der Zeitgeist einer Welt, die nicht mehr weiß, wie lange sie in dieser Form noch weitermachen kann. Jeder Moment zählt, jede nicht in jeglicher Hinsicht mit Ereignisreichtum vollgestopfte Sekunde ist eine Verschwendete. Beschleunigung, Sex, Tod – die Schlagworte einer ganzen Spezies, der verteufelten Spezies Mensch, die alles will, sich aber nichts traut. So ähnlich leitet Sören Klemmer die Beschreibung seines neuen YouTube-Kanals ein. Der 32jährige Vollzeithipster, der sich selber vehement von diesem Stempel distanziert, hat nämlich eine Idee, die ihn, so hofft er, „in die A-Liga der Tubis“ bringen wird. „Tubis“ ist ein Begriff für YouTuber, den Sören sich selbst ausgedacht hat und von dem er sich ebenso wünscht, dass er sich durchsetzt. Nachdem sein letzter YouTube-Channel mit Streichen, sogenannten „Pranks“, nichts reißen konnte und nach diversen Anzeigen (Schwere KV, Verletzung des Persönlichkeitsrecht, Hausfriedensbruch etc.) von den Betreibern der Video-Plattform gesperrt wurde, glaubt Sören, mit seinem neuen Format den Leuten genau das zu bieten, was sie vermissen. „Challenges, Herausforderungen. Eben das bewusste Überschreiten von Grenzen und das Sprengen von eng gestecktem Horizont,“ raunt der gebürtige Oldenburger mit bemüht aufklärerischem Blick.

Er möchte Dinge tun, die andere sich nicht trauen, alles – das hat er aus dem Prank-Channel-Fiasko und den zu tragenden Gerichtskosten gelernt – im Selbstversuch. Dabei aber immer auch mit einem sozialkritischen, gar philosophischen Hintergedanken. „Ich will die Menschen zum Nachdenken bringen und gleichzeitig unterhalten. Abschalten. Und anschalten. Abschalten. Und anschalten.“ Der passionierte Hutträger imitiert das Betätigen eines Lichtschalters und fügt hinzu: „Weil man manchmal erst eine Mauer einreißen muss, um ein Fenster einzusetzen.“ Stolz auf seine holprige Baustellenmetapher ergießt er sich mit strahlenden Augen weiter in Selbstbeweihräucherung. Trivialität mit Tiefgang solle sein Projekt werden, „Jackass“ und „Das Jenke Experiment“ gleichermaßen. Seine Challenges grenzen sich dabei von denen der üblichen YouTube-Verdächtigen wie Dagmar Bi, Gronk oder Kollegah ab. Er möchte Leute bewusst vor den Kopf stoßen, alles „Teil des Prozesses“. So dreht er beispielsweise heute seine erste Folge. In der wird er einen Döner essen. Das scheint auf den ersten Biss machbar und sogar profan. Aber Sören ist überzeugter Veganer. Seit über drei Jahren hat er so gut wie kein Fleisch gegessen. Für seine Abonnenten will er es dennoch wagen. „Ja gut, ich weiß, dass das vielleicht erst einmal ein wenig überzogen und lächerlich klingt…aber es geht ja nicht nur darum, ein Brötchen mit totem Tier und extra Scharf zu essen. Es geht um das Verraten einer Ideologie, das Brechen der eigenen Prinzipien. Das ist total meta. Next Level Shit und so.“

Sören mustert den Döner und murmelt dabei noch einmal seinen geplanten Text. Ein separates Begrüßungs-Video, in dem er den Sinn seines Kanals erklärt, hat er bereits heute Morgen gedreht. Alles DIY versteht sich. So auch diese seine erste Challenge, Handy sei Dank. „Öööh Aah, Bonjour und Sayonara meine hochverehrten Tubis und alle die zufällig reinschauen,“ startet Sören sein Video. Der Spruch soll sein Trademark werden. Neben seinem Hut und einem kessen Schulterzucken, das er später wahllos und mit hartem Schnitt an verschiedenen Stellen in den Clip montieren wird. Keine 5 Minuten dauert es, da ist der Döner verputzt. Was folgt sind mehrere Minuten in denen Sören künstliche Würgegeräusche macht, erzählt wie er sich jetzt fühlt und zum Abschied mit einem coolen Zwinkern „Abonniert alle meinen Channel“ gen Smartphone haucht. Alles im Kasten, der Erfolg kann kommen. Laut träumt Sören jetzt schon vom eigenen Wikipedia-Artikel. Dieser solle ihn als „Künstler, Entrepreneur und Video-Artist“ auszeichnen und ist das eigentliche Ziel des Langzeitstudenten.

Denn er weiß, der Ruf ist das Einzige, was die stürmischen Zeiten unserer Tage zu überdauern vermag. Und damit der nicht ungehört verhallt, muss man vielleicht manchmal auch über die eigenen Grenzen hinausgehen.

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Ria Tanaka & Hitomi Sakuragi

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Das schönste Urlaubsgrinsen aufgesetzt und noch schnell ein Foto für die Heimat geschossen. Die Heimat, die tatsächlich gar nicht so weit weg ist. Denn obgleich ihre äußere Erscheinung im Geist des Durchschnittsdeutschen Assoziationen mit Sushi, Mount Fuji und Shanghai freizulegen vermag, kommen Ria Tanaka und Hitomi Sakuragi nicht aus dem fernen Osten, sondern dem sehr nahen Westen. Nämlich aus Düsseldorf.

Der japanische Migrationshintergrund der beiden Cousinen zweiten Grades ist hier tatsächlich keine Besonderheit. Mit über 6000 in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt ansässigen Japanern stellen diese gut 1 % der Düsseldorfer Bevölkerung. Mehrere Tausend Koreaner, Chinesen und andere Asiaten ergänzen das Bild einer Stadt, die kein Fernossi mehr schocken kann.

Jenseits der Stadtgrenzen sieht das jedoch ganz anders aus. Wenn nicht für Angestellte im örtlichen Thai-Imbiss, werden Asiaten in Restdeutschland hauptsächlich für Touristen gehalten. Kaum verwunderlich, denn gerade im Radius prominenter Sehenswürdigkeiten bedienen Selfie-Stick schwingende Besucher vom anderen Ende der Kontinentalplatte dieses Vorurteil auch gerne.

Von den Einheimischen werden die asiatischen Gäste, nicht zuletzt wegen defizitärer Sprachkenntnisse auf beiden Seiten, in der Regel mit fast schon ängstlicher Nervosität behandelt. Zu groß die Gefahr, die kulturellen „Dos and Don’ts“ zu missachten und sich so als hinterwäldlerischer Bauerntölpel ohne Gespür für den fremdländischen Habitus zu outen. Und genau hier kommen Ria und Hitomi ins Spiel. Denn die beiden graduell verwandten Freundinnen haben sich den Spaß zum Hobby gemacht, in Germanien herumzureisen und dabei großzügig eben jene „Touristen“-Karte auszuspielen. Ihre rheinländische Sozialisierung und die perfekten Deutschkenntnisse verschweigen sie dabei natürlich.

Da wird alles schwarz gefahren, was der öffentliche Personenverkehr hergibt, über deutlich als nicht zu betretenden Rasen getrampelt und mit unschuldigem Lächeln am Trinkgeld gespart. „Manchmal treiben wir es sogar so weit, dass wir an der Supermarktkasse bewusst den falschen Betrag zahlen,“ freut sich Hitomi. „Wenn die Kassiererinnen uns dann in peinlich schlechtem Englisch darauf hinweisen möchten, nicken wir naiv ohne aber zu reagieren und spätestens beim dritten Versuch geben die Armen auf.“ Alleine durch diese Ausprägung ihrer Dreistigkeiten hätten die beiden im Laufe der Zeit bestimmt schon einen hohen dreistelligen Betrag gespart, betont Ria. „Mit einem simplen ‚Ah so’ lassen sich auch die penetrantesten Menschen abwimmeln.“ Ihren „Guerilla-Tourismus“, wie die beiden Düsseldorferinnen ihr Freizeitvergnügen nennen, ziehen sie seit nunmehr drei Jahren mindestens einmal im Monat durch.

Überflüssig zu erwähnen, dass ihre Strategie vor allem in Kleinstädten oder den neuen Bundesländern (natürlich außerhalb der No-Go-Areas) funktioniert. Hier reagiert man besonders unsicher auf die anhand der charakteristischen Physiognomie schnell als Asiaten ausgemachten Scheintouristen. Doch gerade solche Gebiete bergen auch so manche Schwierigkeit, erzählt Hitomi: „Manche Leute wissen dann überhaupt nicht, was los ist. Wir waren mal in irgend so einem 5.000-Seelen-Kaff in Bayern, als wir uns nach dem Weg durchfragen wollten, musste extra jemand im Nachbarsdorf angerufen werden, der ein wenig Englisch sprach. Das war so unangenehm, dass wir fast aus der Rolle gefallen wären. Zum Glück sind wir aber noch knapp durchgekommen…wir hatten nämlich vom örtlichen Edeka gerade erst mit unserer Masche fünf Salamis ergaunert.“

Einen pädagogischen Wert sehen die zwei Düsseldorferinnen in ihrem Hobby nicht. Auch wenn ihnen bewusst ist, dass sie sich ihr durchaus kriminell unverschämtes Benehmen so schönreden könnten, betonen sie doch immer wieder den ausschließlichen Spaßfaktor. Zwar würde es sie schon immer wieder nerven, von anderen für Ausländer, Touristen und Vietnamesinnen gehalten zu werden – schließlich war die unerträgliche Häufung derartiger Situationen auch seinerzeit der Startschuss für die ganze Chose – aber am Ende des Tages ist es ihnen egal.

„Klar wäre es irgendwo schön, wenn die Leute was aus unserer Begegnung lernen würden, aber dazu müssten wir sie ja im Nachhinein aufklären. Und dafür ist unsere Ausbeute uns dann meist zu schade,“ erklärt Hitomi. „Außerdem würden wir dann vielleicht bestraft,“ ergänzt Ria mit typisch japanischer Gesetzeshörigkeit. Und so darf der Erziehungs-Aspekt gerne mal hintenüber fallen. Denn wie jeder Deutsche weiß: Es zählt nur das, was am Ende herauskommt. Und dafür ist die Herkunft nun wirklich egal.

Zigeuner-Jonny

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Unerbittlich knallt die Sonne an einem der letzten Sommertage. Ganz so, als wolle sie auf den restlichen Metern noch einmal alles geben, noch einmal alle Energie bündeln und die verbliebenen Strahlen unter allen Umständen loswerden. Der Wiener Naschmarkt ist dafür genau der richtige Ort. Jeden Samstag findet hier ein Flohmarkt statt, auf welchem das menschliche Beiwerk der Erde – parallel zur Sonne – ebenfalls Veräußerungsversuche der eigenen Restbestände unternimmt. Auf der Besucher- wie Verkäuferseite finden sich dabei die illustresten Gestalten.

Einer, der sofort auffällt, ist Zigeuner-Jonny. Bier, Bart und Bauchtasche – So kennt man den 68jährigen, der laut eigenen Angaben „schon zum Inventar“ gehört. Seinen in heutigen Zeiten durchaus strittigen und schon damals semantisch inkorrekten Spitznamen verdankt er der ungarischen Herkunft seiner Großmutter. Jonny, der eigentlich Jonathan Hermann Gamshobler heißt, bringt gerade mal mit Müh und Not ein „szia“ heraus, wenn man ihn nach seinen Ungarisch-Kenntnissen fragt. Dennoch ist er seit er sich entsinnen kann der „Zigeuner-Jonny. Das hat man seinerzeit so gesagt, das war nichts Schlimmes. Da hatte ein jeder schnell einen Beinamen weg,“ klärt Jonny auf und hat prompt ein paar Beispiele aus seinem alten Freundeskreis parat: „Der starke Kalle, Foppo, Frauenschläger-Achim, Elvis, Bums-Jürgen oder Abstecher.“ Zu den Leuten hat er schon längst keinen Kontakt mehr, aber „der Name, der bleibt. Den behält man in Erinnerung!“

Fast schon rührselig wird der leidenschaftliche Entrümpelungs-Spediteur, geht es um vergangene Zeiten. Viel hat er erlebt, Hochs und Tiefs, eine „Menge unglaublich interessanter und spannender Geschichten“, über die er aber nicht sprechen möchte. Seit fast genau 40 Jahren schleppt er seinen von unzähligen Sonnenstunden mandelbraun gegerbten Körper nun Wochenende für Wochenende auf den Naschmarkt. Seit dem allersten Flohmarkt sei er dabei, erzählt Jonny und seine altersweisen Augen lassen offen, ob er damit den ersten Flohmarkt auf der Fläche des Naschmarkts meint oder den ersten Flohmarkt überhaupt. Damals war er noch ein einfacher Angestellter in der dreimannstarken Altwarenhandelsfirma seines Vaters. Inzwischen führt er den Betrieb, mehr aus Liebe zum Job, denn ganz offiziell steht dem lebensfreudigen Senior schon längst die Rente zu.

Doch Jonnys Herz schlägt für das, was er tut. Für all den alten Kram. Er liebt es das zu durchforsten, was andere nicht mehr wollen. Ob Haushaltsauflösung oder Sperrmüllabholung, die halbe Woche steckt Jonny bis über beide Ohren in Gerümpel. Jagt und sammelt, findet eigentlich immer etwas, das dann, falls notwendig, unter Mithilfe seiner inzwischen sieben Angestellten auf Vordermann gebracht und anschließend über die verschiedensten Kanäle veräußert wird. Unter anderem eben dem Naschmarkt-Flohmarkt. Hier ist Jonny am liebsten, geht es ums Verkaufen. Und das, obwohl andere Methoden sich schon seit langem als profitabler herausgestellt haben. So hat Jonnys Sohn (der sich zwar der von den beiden vorangehenden Generationen als Familientradition angedachten Firmenweitergabe verweigerte, sich als gelernter Informatiker jedoch hier und da immer beratschlagend zur Seite steht, geht es um moderne Vertriebswege) seinen Vater schon vor Jahren auf Online-Plattformen wie eBay, Amazon, DaWanda und Alibaba aufmerksam gemacht. „Ich versteh ja nix von diesem ganzen Zeug,“ grunzt Jonny, „aber es scheint zu funktionieren. Und zwar sehr gut.“ Vielleicht, weil die Käufer die Ware vorher nicht so gründlich inspizieren könnten, mutmaßt der findige Weiterverwertungsspezialist. Auf Flohmärkten würden die Leute immer alles genau prüfen, in Antiquariaten oder in Auktionshäusern wäre es sogar noch schlimmer. Eine als solche deklarierte „Original-Lampe aus den 60er Jahren“ würde dann mal schnell als billig hochgeschminkter IKEA-Ramsch entlarvt.

Aber der schnöde Mammon ist für Jonny eh nur ein netter Nebeneffekt seiner Passion. Was ihn antreibt, das kann er nur schwer in Worte fassen. Vielleicht ist es der Versuch, dem Alten wieder Sinn zu geben, alten Dingen und seinem alten Körper. Vielleicht ist es das Klammern an vergangene Tage. Vielleicht ist es aber auch nur der Wunsch aus der Zeit, die bleibt, noch einmal alles herauszuholen. So wie die Sonne an diesen letzten Sommertagen.

Kalle Wursthekl und Sohn Janosch-Friedmut

Kalle Wursthekl und Sohn Janosch-Friedmut

„Guck mal, der kommt ganz nah!“ Kalle Wursthekl hält einem Eichhörnchen eine Nuss unter die Schnauze. Frech schnuppert der Nager, langt dann zu, wirft dem schlanken Mann mit dem modern ungepflegten 3-Wochen-Bart einen letzten Blick zu und verschwindet im Gehölz. „Der war aber schnell“, bemerkt Janosch-Friedmut, Kalles Sohn. Der kesse Rotschopf darf seinen Vater heute „in die Natur“ begleiten. Auch wenn „Natur“ vielleicht etwas weit gegriffen ist, denn das Vater-Sohn-Gespann hat es „nur“ auf das agra-Parkgelände in Markkleeberg verschlagen. Die zwei kommen eigentlich aus Leipzig, aber da gäbe es kaum noch Wildtiere, der Sozialismus und die ganzen Neubauten nach der Wende hätten es Flora und Fauna schwer ungemütlich gemacht in der Ost-Metropole, erklärt Kalle. Ihn zog es vor gut 15 Jahren nach Sachsen, zum Studieren, denn hier waren die Mieten günstig und die Großstädte der ehemaligen DDR waren gerade am kommen, galten als hip und angesagt. Ursprünglich stammt Kalle aus einem kleinen Dorf bei Ostfriesland. Hier gab es viele Bauernhöfe, das tägliche Tête-à-Tête mit Onkel Schwein und Tante Kuh prägte den studierten Medieninstallateur. Laut eigener Aussage habe er so die Gesellschaft von Tieren nicht nur schätzen und als etwas normales kennengelernt, sondern auch als etwas unabdingbares. Denn: „Eines Tages kommt vielleicht der große Knall und dann heißt es wieder von Null anfangen. Dann gibt es keine Supermärkte mehr und keine Hochhäuser, dann sind die Tiere unsere besten Freunde.“ Seinem Sohn hält der pessimistische Mittdreißiger dabei die Ohren zu. Zu viel Realität will er dem Racker dann doch noch nicht zumuten. Ihn schon einmal an dieses eventuelle Zukunftsszenario gewöhnen hingegen schon. Und so brechen die beiden regelmäßig in Richtung der umliegenden Grünanlagen auf, um sich Tieren jedweder Couleur zu nähern. Mal heißt es Kühe streicheln auf den Weiden der angrenzenden Dörfer, beim nächsten Ausflug dann auf Hundewiesen mit fremden Kläffern tollen. Und manchmal werden einfach nur Enten, Tauben und Eichhörnchen gefüttert, so wie heute. In den Zoo oder gar Zirkus zu fahren kommt für Kalle nicht in Frage, im Gegenteil. „Bei dem Gedanken, wie die Tiere da in Käfigen zur Schau gestellt und lächerlich gemacht werden, dreht sich mir der Kragen [sic!] um!“, zetert der bekennende Bio-Fan. Veganer ist er jedoch nicht, das zu verdeutlichen ist ihm wichtig. „Wenn die Stunde Null dann mal gekommen ist, dann kann man auch nicht wählerisch sein. Dann wird alles Gemüse und so ja vielleicht auch verstrahlt sein.“ Außerdem bliebe ihm als Gluten-Allergiker und von Laktoseintoleranz Gezeichnetem auch nicht viel anders als Fleisch zum Schnabulieren. Bei Rabea, Kalles Lebensgefährtin und Janosch-Friedmuts Mutter, verhält es sich ähnlich und auch dem Jungspund droht das Leid der ein oder anderen Lebensmittelunverträglichkeit. Übrigens, die Dame des Hauses verzichtet gerne und freiwillig darauf, Vater und Filius zu begleiten, wenn es heißt: „Raus aus der Stadt“. So wäre es schließlich im eventuellen Falle einer modernen Steinzeit auch, weiß Kalle. „Mama ist immer Yoga machen“, krakelt Janosch-Friedmut fröhlich und stapft mit dem Fuß energisch auf eine Schar Ameisen. Falls das Ende kommt, egal – die beiden sind bestens vorbereitet. Bleibt nur zu hoffen, dass es dann auch noch Tiere gibt, die sich mit Nüsschen füttern lassen.

Kai Dübel

Kai Dübel

Sicher, Karneval steht für Lust und Freude, für Luftschlangen, Kamelle und Bützerei. Für von schlageresker Unterhaltungsmusik und aufwendig gestalteten Umzugswagen durchzogene Klein- bis Großsstädte. Aber eben auch für Menschenmassen und im tumben Alkoholsumpf aufgekochte Aggression. Mit anderen Worten: Auch Karneval ist nicht ganz ungefährlich. Mal bleiben ein paar bunt behandschuhte Finger im Traktorenmotor hängen, ein ander Mal entbrennt zwischen den Jecke ein handfester Streit. Solche Vorfälle könne man natürlich weder vorhersehen, noch verhindern, meint Polizeiwachtmeister Kai Dübel, da sei „eine höhere Macht im Spiel und das ist dann einfach blöd gelaufen“. Terror, Sexmob, Glasflaschen – laut dem 43jährigen Polizisten sind das die großen drei Bedrohungen, die das fröhliche Treiben zu trüben vermögen. Daher gilt für die Behörden auch in diesem Jahr wieder die höchste Alarmstufe.

Auch in Merzbach in der Eifel. Pünktlich zum Rosenmontagsumzug haben sich mehrere Dutzend Beamte aus der Umgebung in dem 1200-Seelen-Nest eingefunden, um die Sicherheit von Narren und Närrinnen zu gewährleisten. Nur einen winzigen Haken hat die Sache, erklärt Kai Dübel: „Wenn die Leute hier die ganzen Kollegen in Uniform rumlaufen sehen, naja, dann war es das mit der Feierstimmung. Da bricht sofort Panik aus.“ Als Deeskalationsmaßnahme haben die Zuständigen sich darum etwas ganz besonders „jeckes“ einfallen lassen: Die Polizisten streifen über die Uniform einfach ein Kostüm und schon fügen sie sich nahtlos in das Geschehen ein. Die weit geschnittenen Verkleidungen bieten genug Platz für Pistole und Pfefferspray, können getrost bei 40° gewaschen werden und lassen sich im Notfall schnell vom Leib reißen, so dass die Polizeibeamten sich als solche zu erkennen geben können.

„Ich bin eh Karnevalsfan“, gesteht Dübel, der aus dem Nachbarsort Todenfeld stammt, „aber einige Kollegen waren natürlich nicht so begeistert.“ Da hätte es erst einmal Protest gegeben, auch weil einige der Gesetzeshüter sich so ihrer Autorität beraubt sahen. Erst das Argument, dass an Karneval so viele „falsche“ Polizisten herumlaufen würden, dass die echten sowieso einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit einbüßen würden, zog. „Außerdem laufen ja auch ein paar der Kollegen in der normalen Uniform rum, um schon mal, ich sag mal, ein grundlegendes Gefühl der Autorität aufzubauen“, ergänzt Dübel, der auffallend oft „Kollegen“ sagt und dem, wie den meisten Polizisten, die Durchsetzung seiner Autorität ganz besonders wichtig scheint.

Prüfend schreitet der kostümierte Beamte ein letztes Mal den ihm zugeteilten Zuständigkeitsbereich ab, mustert die noch jungfräulichen Straßen und studiert die wartenden Narren. Er muss sichtlich an sich halten, um nicht die ein oder andere willkürliche Taschenkontrolle durchzuführen. Doch Tarnung ist an dem heutigen Tag alles, weiß der EIfelaner. Und so haucht er ein überzeugtes „Sektor 8, alles klar“ in sein Funkgerät. „Manchmal muss man ja auch Mensch sein“, zwinkert Kai Dübel und verschwindet in der Menschenmasse. Vielleicht fängt er heute keine Verbrecher, dafür aber ganz bestimmt die ein oder andere Süßigkeit.

Lorenz Winterschmidt

lorenz winterschmidt

Einmal ein Star sein, reich, bekannt, von jung und alt begehrt und angehimmelt. Ein Traum, in den sich sicher jeder schon einmal verirrt hat. Für die wenigsten jedoch erfüllt er sich tatsächlich. Doch was braucht man überhaupt, um ein Celebrity zu werden? Begabung, Ehrgeiz, Glück? Manchmal reicht es schon wie eine Berühmtheit auszusehen. Dieser Überzeugung ist zumindest Lorenz Winterschmidt aus Herne. Der gutgebaute Enddreißiger bezeichnet sich nämlich selber als “Look-alike”, als Doppelgänger. Und zwar von niemand Geringerem als Action-Film-Wunderkind Liam Neeson. Tatsächlich weisen Winterschmidts kantige Nase, seine eingefallenen Augen und nicht zuletzt die pfiffig zurechtgetrimmte Föhnfrisur gewisse Ähnlichkeiten zu jenem Hau-Drauf auf, der zuletzt in der 96-Hours-Reihe brillierte.

Eine Ähnlichkeit, die Lorenz Winterschmidt so zuerst gar nicht auffiel. Denn der einfach gestrickte Angestellte eines namhaften Elektronikkonzerns mit Hauptsitz in Japan hatte bis dato wenig am Hut mit dem amerikanischen Kino. “Klar, man schaut ab und an mal, wenn dann da was im Fernsehen läuft, dieses ‚Herr der Ringe‘ zum Beispiel fand ich ganz toll”, so Winterschmidt. Aber eigentlich laufen bei ihm höchstens Heimatfilme und natürlich Sport. Und da Neeson, der in Hollywood-Kreisen als äußerst gut bestückt gilt, in beiden Kategorien bislang eher durch Abwesenheit glänzte, brauchte es – wie so oft in der Weltgeschichte – erst eine Frau in Winterschmidts Leben, die ihm sein Talent offenbarte.


“Ja, das war meine Rosi, die hat direkt als wir uns kennengelernt haben…also eigentlich haben wir uns so erst kennengelernt…weil die hat mich so angesprochen: ‚Mr. Neeson, Mr. Neeson, is it you? Can I have an Autogramm and quick Foto maybe?‘ Da hab ich erst mal gestutzt und wusste gar nicht was los ist.” Winterschmidt lacht zufrieden. Rosi, die eigentlich Angelika heißt, bestand auch nachdem ihr zukünftiger fester Freund sie auf deutsch darüber aufgeklärt hatte, dass er nicht wüsste wer “Mr. Neeson” wäre, geschweige denn, dass er es selbst sei, darauf, dass es sich um den beliebten Mimen handle. Der offensichtliche Altersunterschied von über zwei Dekaden und knapp 25 cm, die den eher kleinen Winterschmidt größentechnisch vom 1,93 m Hühnen Neeson trennen, vermochten Rosi ebenfalls nicht zu überzeugen. Erst, als Winterschmidt Führerschein und Perso zückte, ließ die Autogrammjägerin von ihm ab. Telefonnummern tauschten die beiden dennoch aus.

Es folgten mehrere Rendez-Vous und schließlich eine bis heute andauernde glückliche Beziehung, in deren Verlauf Filmfan Rosi – die Neeson vor allem als “großen Entertainer” in Star Wars und “sexy Robin-Hood-Typen” in Schindlers Liste schätzte – ihren Lorenz darin bekräftigte mehr aus seinen Doppelgänger-Qualitäten zu machen. Winterschmidt bewarb sich daraufhin bei mehreren Agenturen, die sich auf die Vermarktung der Ebenbilder Prominenter spezialisiert haben. Bei einem sympathischen Dortmunder Unternehmen kam er schließlich unter. Doch die großen Aufträge blieben aus und so beschloss Winterschmidt sein Glück selbst in die Hand zu nehmen: So oft wie möglich versucht er den nahe gelegenen Movie-Park in Bottrop-Kirchhellen zu besuchen. Hier läuft oder steht er manchmal stundenlang einfach nur herum, wartet darauf entdeckt zu werden. Einmal wurde er tatsächlich angesprochen und für jemand anders gehalten. Leider zwar nur für einen Bekannten, dem er wohl von hinten ähnlich sah, doch für Lorenz Winterschmidt ist das eine Bestätigung: “Das heißt ja zumindest, dass ich nicht nur wie ich selber aussehe.”


So verbringt er Tag um Tag in dem Freizeitpark, hoffend, dass der nächste, der ihn anspricht “einer von den ganz Großen” ist. Ein Star-Manager oder gar ein Studioboss. Denn Winterschmidt, der inzwischen sämtliche Liam Neeson-Streifen gesehen hat, hat einen Traum: Die Neuverfilmung seines neuen Lieblingsfilms “Batman begins”, nur mit Doppelgängern. “Natürlich ist das ein großer Traum, aber nur wer groß träumt, kann auch hoch fliegen”, raunt Winterschmidt, zieht seine Augenbrauen zusammen und sieht dabei wirklich ein bisschen wie Neeson aus. Vielleicht ist ein Traum manchmal alles, was man braucht, um ein Star zu werden.

Tomasz Drenovitz

Tomasz Drenovitz

Sommerzeit, Drogenzeit. Und kaum ein Ort in Deutschland scheint besser geeignet sich dieser Metamorphose der Farben hinzugeben als das wunderschöne Heidelberg. Das wusste auch Thomas Mann, der die Universitätsstadt in den 1920er Jahren besuchte und im berühmten süddeutschen Sonnenschein mit den verschiedensten Substanzen experimentierte. Und das weiß auch Tomasz Drenovitz*. Der 18jährige mit schlesischen Wurzeln ist nämlich ein sogenannter Straßenapotheker, Salesman der Drogen GmbH & Co Kg., kurz ein Rauschgifthändler, auf gut deutsch ein Dealer. Ohne sich jemals der Diskussion über Recht und Unrecht seines Berufsstandes auszuliefern oder die moralische Qualität seines Tuns in Frage zu stellen, verdient sich der leidenschaftliche Schulschwänzer so seit einigen Jahren ein kleines Taschengeld dazu. Auch heute sitzt er an einem seiner Stammplätze, einem kleinen Park am Rande des Philosophenwegs. Hier sei die Laufkundschaft nicht so groß, meint Tomasz, aber gerade deswegen würde der Ort sich zur Übergabe größerer Mengen anbieten. Außerdem könne man an kaum einem anderen Ort während der Arbeit die Sonne so genießen. Der junge Geschäftsmann blinzelt in die Sonne und zündet sich eine Zigarette an. Heute ist ein besonderer Tag für ihn. Eine Beförderung steht an, zumindest, wenn man dies im Kontext mit einem Selbstständigen so nennen kann. Heute scharrt Tomasz nämlich das erste Mal eine kleine Hand voll „Pusher“ um sich. Wenn man seinen Ausführungen glauben kann, eine Art Azubi im Drogengeschäft, jene Menschen, die das Produkt in kleinen Mengen an den Endkonsumenten verkaufen. Bis heute nahm auch Tomasz diese Rolle ein, doch ihm war das ständige Herumhocken an öffentlichen Plätzen, das stressige Beschaffen von Nachschub und vor allem die recht geringe Gewinnmarge irgendwann zu viel (bzw. zu wenig). Anstatt die kleinkriminelle Karriereleiter jedoch nur in Trippelschritten hochzurutschen, entschied sich Tomasz, der in seiner Freizeit gerne grillt, den Posten des Zwischenhändlers zu überspringen und zu seinem eigenen Versorger zu werden. Doch der Teenager missbraucht nicht etwa das elterliche Gemüsebeet für den Anbau strafrechtlich relevanten Gewächses. Nein, vielmehr mischt der in der Schule eher mittelmäßige, aber in Chemie hervorragende Hobby-Schüler seinen eigenen Stoff. Und zwar nicht einen der bekannten, sondern etwas völlig neues. „Pubba“ hat Tomasz seine Erfindung genannt. Ein kerniger Name, der sich auch gut in Raptexte einbauen ließe, wäre das Wichtigste bei einer Droge, lässt der ungelernte Kaufmann seine unbescholtenen Zuhörer wissen. „Das Besondere an Pubba ist aber nicht der coole Name“, kommentiert Tomasz und lüftet dann sein großes Geheimnis. „Also man kennt das ja vielleicht, es geht einem schlecht, voll scheiße, so Absturz oder so oder vor allem auch wenn man krank ist. Und dann geht’s einem besser. Und der Körper schüttet krass Endorphine aus. Das ist doch eigentlich der geilste Flash von allen. Und genau da kommt Pubba ins Spiel.“ Die Marterie verschlechtere den eigenen Zustand erst einmal, löse extreme Übelkeit, Schwindel, Depressionen und allgemeines Unwohlsein aus, nur um all diese Symptone nach einer Wirkdauer von 20 bis 40 Minuten in sprichwörtliche Luft und tatsächliches Wohlgefallen aufgehen zu lassen. „Einfach gesagt wird man wieder nüchtern, aber es kommt einem vor als wäre man total high, weil man sich halt viel besser fühlt“, fasst der Heisenberg von Heidelberg den Sachverhalt zusammen. Statt Körper und Bewusstsein also von 0 auf 100 zu bringen, bringt „Pubba“ die beiden also von -100 auf 0. „Irgendwie ja auch geil, wenn man merkt, dass nüchtern sein auch cool ist, irgendwo“, philosophiert Tomasz, bevor ihm der geschäftsschädigende Tenor dieser Aussage bewusst wird. Er hat schon ein gutes Dutzend Stammkunden „Pubba“ probieren lassen, natürlich beim ersten Mal „für umsonst“. Das Resümee war ausnahmslose Begeisterung und so ist das pharmazeutische Wunderkind sich seines Erfolgs gewiss. Und er ist sich sicher, bei einem Sommer wie diesem, an einem Ort wie hier, hätte sicher auch Thomas Mann seinen Spaß mit dem Zeug gehabt.

(„Pubba“ ist ab jetzt im Raum Heidelberg für durchschnittlich 7 Euro pro Gramm erhältlich)

*(Name aus rechtlichen Gründen geändert)

Joachim Freilust mit Hund Schrubber

joachim freilust mit hund schrubber

Sommerzeit ist Spaziergangzeit. Und so manches kurzes Sich-die-Beine-vertreten artet schnell zur unüberschaubaren Wanderung aus. Die sich in solchen Fällen im Spiel befindlichen Mächte sind häufig höher als die eigene Motivation. So ergeht es heute Joachim Freilust – mal wieder. Denn der 48jährige ist mit seinem Haus-und-Hof-Hund Schrubber unterwegs. Und der ist nicht nur ein Kabenzmann vor dem Herrn, sondern auch ein Dickschädel sondergleichen. Wo die Dogge hinwill, da geht es auch hin. Und bei 90 Kilo Zugkraft bleibt dem hilflosen Herrn Freilust kaum eine Wahl. „Das wäre ja eigentlich nicht so schlimm,“ erklärt der aus dem rheinischen Königswinter stammende Teilzeit-Florist, „aber in letzter Zeit hat er unglaublichen Gefallen am Drachenfels gefunden und will jetzt ständig da hoch.“ Der Drachenfels ist mit seinen 300 m nicht gerade der höchste (wenn auch tourismustechnisch beliebteste) Berg des sogenannten Siebengebirges. Doch diese Strecke täglich ein bis zweimal zurücklegen zu müssen gehe ganz schön in die Beine, versichert Freilust. Erst recht bei den zuweilen erdrückenden Temperaturen der vergangenen Sonnenwochen. Zum Glück könne er Schrubber inzwischen zum Abstieg per Zahnradbahn bewegen, denn nicht selten endete eben jener Abstieg mir aufgeschlagenen Knien und großflächigen Schürfwunden bei Joachim Freilust. „Der Schrubber ist schon ein kleiner Troublemaker…so wie der Hund in dem Film ‚Ein Hund namens Beethoven’“, lächelt Joachim Freilust. So wirklich übel nehmen kann er dem gutmütigen Koloss seine Berg-Begeisterung nicht. Nachdem sich abzeichnete, dass Schrubbers Drachenfels-Ausflüge zu einer gewissen Regelmäßigkeit verkommen würden, versuchte Freilust auch den Rest der Familie einzuspannen. Aber: „Die Kinder hatten in den letzten Wochen viel für die Schule zu tun, das geht ja auch vor, erst recht in den Ferien und meine Frau, die arbeitet jetzt seit kurzem Vollzeit.“ Der Hundebesitzer, der in seiner rar gesäten Freizeit gerne Aufgaben im Haushalt übernimmt und Artikel aus Tageszeitungen ausschneidet, hat kein Problem damit, dass das Gassigehen an ihm hängen bleibt. Für Schrubber würde der Doggen-Fanatiker alles tun. Naja, fast alles: „Der Hund hat ganz klebrige Spucke, da passiert es öfter mal, dass da Sachen drin hängen bleiben…Steine oder Käfer oder so…das finde ich ein bisschen ekelhaft, da tue ich dann so, als würde ich das nicht bemerken“, erklärt Freilust mit einem Augenzwinkern. Er glaubt sowieso, dass der Hund in naher Zukunft seine Obsession für den Drachenfels ablegen würde. Denn Schrubber interessiere sich immer phasenweise für bestimmte Orte. Vor ein paar Monaten war es eine Gruppe Landzungen am Rhein, davor ein Fleck im Wald und im letztjährigen Sommer sogar das örtliche Freibad, erinnert sich Joachim Freilust. Der Drachenfels sei jetzt zwar ein mit ganz besonders viel Anstrengung verbundenes Ausflugsziel, aber zumindest würde „man so mal etwas für den Body tun“. Und Sommerzeit ist schließlich auch Bikinizeit.

Tao Ling

Tao Ling

Das Phantasialand in Brühl bei Köln: Zweifelsohne der beliebteste Freizeitpark Westdeutschlands. Und zweifelsfrei einer der am besten in Stand gehaltenen. Nicht zuletzt dank der Mitarbeit so fleißiger Männer wie Tao Ling. Der Deutsch-Kantonese ist nämlich nicht nur irgendeine Reinigungskraft, er ist ein Spezialist auf dem Gebiet der Bodenreinigung. Was anfangs absurd oder vielleicht gar gehässig klingen mag, stellt sich alsbald als der Werdegang eines Mannes heraus, der aus einem Gewerbe, das häufig wie der Dreck behandelt wird, den es aufkehrt, eine Profession machte. Denn Tao Ling ist eigentlich studierter Chemiker, erhielt seinen Abschluss mit Sternchen und hoffte sein großes Glück in Deutschland zu finden. Doch das Land der streng begrenzten Möglichkeiten ernüchterte Ling, sein Abschluss wurde nirgends anerkannt und trotz bemerkenswerter Deutschkenntnisse wimmelte man ihn überall ab. Wie viele hochqualifizierte Einwander trieb die Auswegslosigkeit der Situation den erschütterten Tao Ling in die behandschuhten Arme der Reinigungsbranche. Spaß wäre vielleicht der falsche Ausdruck, aber er habe schnell einen gewissen Gefallen an der Arbeit gefunden, ja sich regelrecht wohlgefühlt, so Ling. Zwischen Scheuermilch und Lackentferner kam er sich fast wieder vor wie im Chemielabor. Und so fing er auch frech an zu experimentieren, entwickelte Methoden zur Expressreinigung von Teppichboden und wusste schnell welche Mittelchen sich am effektivsten kombinieren lassen um getrockneten Kaugummi zu eliminieren. Die Mär vom pfiffigen Chinesen sprach sich herum, anfangs nur unter seinen Kollegen, die stets begierig darauf waren neue Kniffe von Tao Ling zu lernen und seine Tips und Tricks aufsaugten wie, naja, wie ein Wischmop beispielsweise. Doch es dauerte nicht lang, da bekam man auch in den Chefetagen der Reinigunsfirmen Wind von der putztechnischen Wende in den Reihen ihrer Sauberkeitssoldaten. Und dieser Wind roch nach Fichte, Pfefferminz und etwas Unbekannten aus Fernost. Besonders Tao Lings Improvisationstalent und seine Fähigkeit aus herkömmlichen Alltagssubstanzen genau das Mittelchen anzurühren, das gerade gebraucht wurde, ließ ihn rasant das frisch gebohnerte Karrieretreppchen emporsteigen. Zeitweise lag ihm eine Vielzahl an Jobangeboten vor, die ihn animieren sollten so unterschiedliche Posten wie den eines Managers eines mittelgroßen Reinigungsunternehmens oder gar Mitentwickler bei einem bekannten Chemiemagnaten zu bekleiden. Aber Tao Ling langweilte sich laut eigener Aussage schon beim Gedanken an derlei theoretischen Bimbam. Ihn lockte die Praxis mit ihren ganz individuellen, konkreten Herausforderungen. Und so machte er sich selbstständig, mit seinem guten Namen und dem Ruf eine Koryphäe auf allen Gebieten der Säuberung zu sein. Heute wird er an so namhaften Orten wie dem Frankfurter Flughafen, dem Kölner Zoo und der Messe Essen eingesetzt. Oder eben im Phantasialand für dessen Boden er eine gewitzte Mixtur aus Ketchupresten, Allesreiniger und einigen geheimen Zutaten entwickelte, die einerseits natürlich reinigen, andererseits aber gleichzeitig auch die kräftige Farbe der Steine bewahren. Rückblickend sagt Tao Ling, dass die Entscheidung Reinigungskraft zu werden, eine der wichtigsten seines Lebens war. Der 48jährige lächelt und fügt an: “Denn wie sagt ein chinesisches Sprichwort? Lieber ein Palast aus Schlamm, als eine Hütte aus Gold!”

Pierre Koundé

Pierre Koundé

Man muss kein Professor für BWL sein, um zu verstehen: wenn das Angebot größer ist als die Nachfrage, wirkt sich das zwangsläufig negativ auf die Finanzen des Verkäufers aus. Mit anderen Worten, wo kein Wasser, da kann man am Brot ersticken. Was tut man in so einer Lage? Pierre Koudé hat die Antwort. Jahrelang hielt der gebürtige Franzose sich damit über Wasser in Paris Souvenirs an Touristen zu verscherbeln. Miniatur-Eiffeltürme, Ansichtskarten, Uhren und allerlei Schabernack schleppte Pierre Tag für Tag durch die Straßen der Stadt der Liebe, verweilte stundenlang vor Louvre, Triumphbogen und Co und hatte am Ende oft gerade einmal genug für Miete und Mahlzeit zusammen. Denn Pierre war nicht der einzige, der versuchte seine Mitbringsel an den Mann zu bringen. Dutzende Souvenirhändler teilten sich die Reviere, bekamen ihre Verkaufsvorräte außerdem vom selben Großhändler und boten somit eine Einöde ewig gleichen Krimskrams, den weniger Leute brauchten als nötig. „Man spricht hundert Touristen an und davon kauft dann einer was. Und dann sind da noch zwanzig andere Verkäufer, die versuchen, dir diesen einen Kunden wegzuschnappen. Da hast du kein Spaß an deinem Job“, erklärt Pierre. Doch der 26jährige hatte nicht bloß irgendwann genug, sondern parallel dazu auch eine zündende Idee, Stichwort Standortwechsel. Und so zog er vor zwei Jahren schweren Herzens aus dem Touristenmoloch Paris in den Touristenmoloch Berlin. In der Schule hatte er damals mehrere Jahre deutsch gelernt und mit diesen letzten Brocken gelang ihm der Umstieg schneller als befürchtet. Hier fing Pierre noch einmal ganz von vorne an. Moment, ganz von vorne? Nicht wirklich, denn Pierre verkauft weiterhin seine kleinen Eiffeltürme und Notre-Dame-Schlüsselanhänger, allerdings inzwischen vor dem Brandenburger Tor, der Siegessäule und Schloss Sanssouci. Das klingt erst einmal absurd und irgendwie falsch, doch: „Es läuft und zwar sehr gut.“ Pierre grinst, während er einem japanischen Pärchen eine Baskenmütze mit dem Aufdruck „Moulin Rouge“ andreht. „Also es gibt zwei Arten von Kunden“, erklärt der gutgebaute Trödler „Natürlich beides Touristen. Die einen sind froh, dass sie hier auch direkt Souvenirs für Paris kaufen können, dann haben sie weniger Stress, wenn sie einmal da sind. Und die anderen, muss man ganz ehrlich sagen, haben eh gar keine Ahnung. Die denken Triumphbogen und Brandenburger Tor sind das selbe oder Deutschland und Frankreich gehören irgendwie zusammen. Das sind meist Amerikaner oder von noch weiter weg.“ An beiden Sorten mangelt es nicht und so verdient Pierre am Tag ungefähr das zehnfache wie seine Pariser Kollegen. Zwar hat er sich in Berlin gut eingelebt, vermisst Freunde, Familie und seine Heimat jedoch. Deswegen will er auch nicht ewig auf dieser Seite der deutsch-französischen Grenze bleiben. Wenn er genug zusammen gespart hat will er zurück in die Metropole an der Seine. Dort will er „den Spieß umdrehen. Also Souvenirs aus Berlin in Paris verkaufen.“ Dann aber im großen Stil. Dass dann vielleicht irgendwann die Straßen wiederum von eben jenen deutschen Souvenirs überlaufen sein wird, das glaubt er nicht. Und wenn doch, dann gibt es genügend andere europäische Großstädte. Um das zu verstehen, muss man kein Professor für Geographie sein.